Lattenzaun-Diplomatie: Eine Feldstudie über Bauwerke, die keine sind
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Es gibt diesen Moment am frühen Morgen, wenn der erste Hase des Tages den Lattenzaun erreicht, kurz innehält und seufzt. Nicht aus Ehrfurcht. Aus architektonischem Bedauern. Denn was der Mensch dort vor vielen Jahren errichtet hat, um seine Grenzen zu markieren, ist aus unserer Sicht schlicht ein Bauwerk, das den Baumeistern des Unterbaus nicht einmal die Blamage einer Prüfung wert wäre.
Die Revolution hat sich deshalb heute Vormittag zusammen gesetzt – gut sitzen ist wichtig – und die Frage geklärt, die seit jeher die Gelehrten im Bau spaltet: Ist der Zaun eine Grenze oder eine Designentscheidung, die gründlich schiefgegangen ist?
Die These des Haupthörsaals
Professorin Siebenpfote, Leiterin des Lehrstuhls für Grenztheorie und Zwischendrahtkunde, brachte es auf den Punkt: »Ein Zaun ist die einzige Erfindung des Menschen, die ihre eigene Nutzlosigkeit öffentlich zur Schau stellt. Er schützt nichts, er verhindert nichts, er kostet den Menschen Geld und uns maximal fünf Minuten.«
Die Versammlung nickte. Nicht aus Zustimmung, sondern weil Nicken beim Nachdenken über Zaunstilistik einfach gut aussieht.
Das offizielle Glossar der Passierbarkeit
Zum besseren Verständnis für unsere zweibeinigen Leserinnen und Leser hier die einstimmig verurteilte Systematik der wichtigsten Zaunstile:
Der klassische Lattenzaun. Optisch solide, praktisch eine Einladung. Die Lattenabstände entsprechen exakt dem Standard-Hasendurchmesser plus Toleranz. Manche behaupten, das sei Absicht. Wir nennen es Gastfreundschaft.
Der Maschendraht. Das Lieblingsobjekt der Grabenabteilung, weil er untergraben werden kann wie eine Butterbrotkruste. Nach oben hin offen, nach unten hin eine Formsache. Bewertung: durchlässig mit Ausblick.
Die Hecke. Kein Zaun im eigentlichen Sinne, sondern ein tragendes Gerüst für Spinnweben, Meisen und unsere dritte Fluchtvariante. Wer eine Hecke als Grenze deklariert, hat die Natur nicht verstanden.
Der Doppelstabmattenzaun. Der einzige Kandidat mit ernsthaften Qualitäten. Dennoch: Der Bauunterausschuss für Bodenangelegenheiten hat in drei Nächten unterdessen bewiesen, dass auch er nur eine Verzögerung mit Zertifikat ist.
Die Sichtschutz-WPC-Platte. Teuer, grau, bedeutungsschwer. Wir verzeichnen hierzu nur: Was der Mensch nicht durchsehen kann, kann er auch nicht kontrollieren. Danke für die Privatsphäre.
Warum der Mensch trotzdem daran festhält
Die Anthropologie-Abteilung hat eine verblüffende Beobachtung gemacht: Der Zaun ist für den Menschen kein Bauwerk, sondern eine Gefühlsersatzleistung. Er kauft sich das Gefühl von Ordnung, Grenze und Kontrolle – für durchschnittlich 47 Euro pro Meter.
Wir kaufen uns für 47 Euro dreihundert Radieschen. Wer hier wen beobachtet, darf gerne diskutiert werden.
Ein praktischer Vorschlag zum Abschluss
Die Revolution schlägt kein Abrissprogramm vor – wir sind keine Barbaren, wir sind Hasen. Wir schlagen stattdessen vor, den Zaun endlich als das zu behandeln, was er ist: eine Dekoration mit Selbstüberschätzung. Bepflanzen Sie ihn. Verstecken Sie ihn. Oder lassen Sie ihn stehen und gewöhnen Sie sich an die Idee, dass jeden Morgen eine kleine graue Gestalt achtlos durch die vierte Lattenreihe flitzt und Ihre Petersilie grüßt.
Die Grenze liegt nämlich nicht im Zaun. Sie liegt – wie so oft – im Kopf. Und der Kopf eines Hasen passt gerade so durch die Latten.
Der Autor dieses Beitrags wurde während der Recherche dreimal in der Nachbarschaft gesehen und einmal bekocht. Die Petersilie hat es nicht überlebt.