Fünf Minuten sind eine Erfindung der Füchse: Warum wir endlich die Ohrenzeit einführen sollten
Es gibt zwei Sorten von Menschen: solche, die um 8:57 Uhr im Konferenzraum sitzen und ihre Kaffeetasse strategisch positionieren, und solche, die um 9:04 Uhr hereinhoppeln, den Blick eines Wesens aufsetzten, das gerade entschieden hat, dass der Löwenzahn auf halbem Weg wichtiger war. Ich gehöre zur zweiten Sorte – und ich behaupte: Das ist die bessere Sorte.
Was der Hase uns schon immer sagen wollte
Betrachten wir das Kaninchen als Vorbild. Es kennt keine Deadlines, keine Kalender-Apps und schon gar nicht das Konzept „kurz draufschauen, bevor ich losfahre“. Es hat stattdessen einen unerschütterlichen Innenkompass, der ihm sagt: Jetzt ist Fresszeit. Jetzt ist Hoppeln-Zeit. Jetzt ist Zeit, mitten auf dem Weg zu sitzen und die Welt skeptisch anzuniesen.
Und siehe da: Kein Hase ist je wegen verspäteter Termineinhaltung burnout-krank geworden. Kein Hase hat eine Fortbildung zum Thema „Selbstmanagement im Bau“ besucht. Die Nachhaltigkeit dieses Lebensmodells ist überwältigend.
Die Ohrenzeit: ein Manifest
Mein Vorschlag ist radikal, aber gerecht: Wir führen die Ohrenzeit ein. Das ist keine Uhrzeit, sondern eine Haltung. Sie besagt: Ich komme, wenn mein innerer Kompass und die Außenwelt sich kurz abgestimmt haben – in der Regel fünf Minuten nach dem Termin, gelegentlich auch zwanzig.
Praktisch umgesetzt könnte das so aussehen:
- Das punctual meeting wird abgeschafft. Stattdessen: das Gemächliche Treiben. Man beginnt, wenn alle da sind. Wer zuerst kommt, macht sich einen Tee und bewundert die Decke.
- Verspätungsentschuldigungen werden abgeschafft. Niemand muss mehr glaubwürdig erklären, dass „die Bahn schuld war“. Wir wissen alle, dass du noch kurz den Müll rausgebracht hast und dabei eineinteresting Wolke gesehen hast.
- Der Kalender bekommt einen neuen Button: „Hoppeln“. Er verschiebt den Termin um exakt die Zeit, die man braucht, um sich wieder einzusinnen.
Ein Feldversuch im Kleinleben
Natürlich habe ich das ausprobiert – man schreibt schließlich für die Kaninchenrevolution. Eine Woche lang bin ich überall „mit Ohrenzeit“ erschienen: beim Zahnarzt (der fand es weniger revolutionär), beim Nachbarn (der fand es sympathisch, weil er selbst eine Teekanne stehen hatte) und im Supermarkt (dort stellte ich fest, dass die Ohrenzeit eigentlich nur heißt, dass man sich Zeit lässt, die Milch zu vergleichen – und das ist enorm entspannend).
Das Ergebnis: Meine Bluthochdruckwerte sind vermutlich gesunken, mein Ansehen beim Zahnarzt ebenfalls. Aber der große Wurf ist ein anderer: Ich habe zum ersten Mal seit Jahren einen Sonntag erlebt, der sich nicht wie ein Feierabend-Vorbereitungsraum anfühlte.
Einwände? Gern, aber später
Kritiker werden einwenden, dass eine Gesellschaft aus Hasen binnen Tagen zusammenbrechen würde. Stimmt vermutlich. Deshalb heißt es ja kleine Verspätungsrevolution. Wir fordern nicht das Ende der Pünktlichkeit, sondern ihre Entmystifizierung. Fünf Minuten Toleranz – mehr braucht es nicht. Niemand stirbt, weil die Sitzung um 9:05 beginnt. Aber viele leiden, weil sie glauben, um 8:59 ein besserer Mensch zu sein.
Der Hase jedenfalls sitzt weiter mitten auf dem Weg, die Sonne scheint, und die Welt dreht sich auch ohne Pünktlichkeitswahn weiter. Nur eben gemächlicher. Und ein bisschen schöner.