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Nachbarschaftskunde

Feldwache Geranie: Ein Beobachtungsbericht vom dritten Stock

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Feldwache Geranie: Ein Beobachtungsbericht vom dritten Stock

Photo: german balcony flower boxes geraniums apartment building, via c8.alamy.com

Liebe Mit.hasen, heute muss ich etwas gestehen: Ich habe einen Balkon beobachtet. Freiwillig. Aus Interesse. Und ja, ich weiß, dass das nach Spionage klingt, aber nennen wir es lieber, was es ist – Nachbarschaftskunde mit Ohrenzeug.

Vom erhöhten Aussichtspunkt hinter dem Regendach habe ich drei Wochen lang das Geschehen auf dem Balkon im dritten Stock protokolliert. Was dort täglich passiert, hat mehr erzählerische Dichte als jeder Sonntagskrimi. Und es beginnt, wie alles im deutschen Wohnraum beginnt: mit einem Blumenkasten.

Die Geranie als Meldestelle

Man muss die Geranie verstehen lernen. Sie ist nicht einfach eine Pflanze. Sie ist ein Amtszeichen. Wer Geranien auf dem Balkon stehen hat, meldet an die gesamte Nachbarschaft: Hier wohnt jemand, der Dinge ordnet, gießt und zur Not auch beschneidet. Die Geranie ist das Behördensiegel des Privatlebens.

Interessant wird es bei der Farbwahl. Rot bedeutet Tradition, vielleicht sogar Kaffeekränzchen mit Aufzeichnungen. Rosa signalisiert Aufgeschlossenheit, kombiniert mit einer leisen Angst vor der Hausverwaltung. Und wer violette Hängegeranien wählt, der hat irgendwann in den Neunzigern aufgehört, Neues auszuprobieren – und ist glücklich damit.

Die Beobachtete im dritten Stock hat übrigens alle drei Farben. Das ist entweder Vielfalt oder eine innere Zerreißprobe, die sich über Blumentöpfe ausspricht. Ich halte beides für möglich.

Kartons, die lügen

Der zweite Untersuchungsgegenstand: der Onlineshopping-Karton. In den ersten zwei Wochen meiner Feldforschung lieferte die Klingel nach unten täglich. Die Kartons stapelten sich auf dem Balkon zu einem Schanzenbau, der mich fast heimisch hat werden lassen. Fast.

Denn hier offenbart sich eine deutsche Grundeigenschaft: Der Karton wird nie entsorgt, bevor der nächste da ist. Er ist kein Verpackungsmaterial, sondern ein Beweisstück. Er sagt: Ich habe etwas bestellt, also habe ich geplant, also existiere ich strukturiert. Dass der Inhalt – meist eine Düse, ein Dichtungsring, ein Kabel in Dreierpack – den Karton an Größe um das Zehnfache übertrifft, ist nur logistische Poesie.

Nach meiner Schätzung hätte man aus den gesammelten Kartons ein Gästehaus für eine Hasenfamilie in mittlerer Größe bauen können. Der Vorschlag wurde nicht eingereicht. Noch nicht.

Der dritte Zwerg ist immer ein Ersatz

Nun zum heikelsten Kapitel: der Gartenzwerg-Lage. Zu Beginn der Beobachtung standen zwei Zwerge auf dem Balkon, ein klassisches Paar, Blickrichtung Regenrinne. In Woche zwei wurde einer von ihnen Opfer eines Sturms beziehungsweise eines Selbstversuchs mit der Balkonstange – die Aktenlage ist unklar.

Was folgte, war kein Kauf. Es war ein Wiederaufbau. Der Ersatzzwerg kam in einem Karton (siehe oben), wurde ausgepackt, eingewiesen und so positioniert, dass er exakt die Lücke füllt. Nichts hat sich optisch verändert. Und genau das ist die Botschaft: In dieser Nachbarschaft wird der Zustand aufrechterhalten. Nicht verbessert, nicht verschlechtert. Verwaltet.

Ich nenne das den dritten Zwerg – jede Nachbarschaft hat ihn. Er ist immer ein Ersatz, und er wird immer so aufgestellt, als hätte es nie eine Lücke gegeben. Respekt dafür. Das nennt man sonst Staatstrauer.

Die Top 5 der Balkon-Dekoverbrechen

Weil Protokolle ohne Anklage langweilig sind, hier die offizielle Rangliste der schlimmsten Vergehen, gesammelt aus eigener Beobachtung und zuverlässigen Flüstergerüchten aus dem Unterbau:

  1. Solarlichterkette im Winterschnee. Sie leuchtet nicht, sie leidet. Aber sie bleibt hängen, aus Prinzip, bis Ostern.
  2. Der Wackelwindmühle-Cluster. Mehr als drei Windmühlen auf einem Balkon gelten als unabhängige Republik und müssten sich eigentlich diplomatisch anmelden.
  3. Die Kissenburg für den Einzelsitz. Zwölf Kissen, ein Stuhl, null Sitzungen. Das ist kein Mobiliar, das ist ein Ausstellungsstück.
  4. Teelichtkaskade ohne Teelichte. Die Gläser stehen leer, aber die Stimmung wird trotzdem behauptet.
  5. Die Plastik-Eule zum Vogelschreck. Sie schreckt keine Vögel ab, aber jeden Nachbarn, der dachte, er hätte schon alles gesehen.

Was uns der Balkon sagen will

Am Ende meiner drei Wochen habe ich verstanden: Der deutsche Balkon ist keine Außentoilette für Pflanzen. Er ist eine Anzeige an die Welt. Jeder Blumenkasten ist ein Brief ohne Umschlag, jeder Karton ein Lebenszeichen, jeder dritte Zwerg ein stiller Vertrag mit der Nachbarschaft: Alles bleibt, wie es war, und das ist gut so.

Die Beobachtete hat übrigens letzte Woche eine vierte Geranienfarbe gepflanzt. Weiß. Ich habe meinen Ohren nicht getraut. Das ist entweder der Beginn einer Revolution oder ein Ausrutscher. Beides würde uns hier freuen.

Wir beobachten weiter. Von oben. Mit Ohrenzeug und Notizblock.

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