Casting-Offensive gescheitert: Warum das Fernsehen unsere Talente einfach nicht verdient hat
Photo: Zara Wilkinson , CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Es begann wie jede gute Revolution mit einer Beschwerde. Hase Wilhelmine aus Bau 7 hatte sich beschwert, dass sie bei 'Deutschlands talentierteste Haustiere' noch nie einen Hasen gesehen hat. Nicht einen. Daraufhin beauftragte die Revolutionszentrale eine dreiköpfige Studiengruppe (zwei Hasen, ein sehr geduldiger Igel), das Casting-Format genauestens zu analysieren. Das Ergebnis liegt nun in 47 Seiten vor uns – und es ist vernichtend. Nicht für uns. Für das Fernsehen.
Die Beweisaufnahme: Ein Medium im Selbstversuch
Die Studiengruppe setzte sich vor den Flachbildfernseher im Gartenhäuschen von Nachbar Krause und dokumentierte drei Folgen der berühmten Talentshow. Was sie sahen: ein Hund, der Skateboard fährt. Ein Papagei, der 'Halleluja' singt. Eine Katze, die schlicht auf einer Leiter sitzt und dafür Standing Ovations bekommt. Eine Leiter, Leute.
Studiengruppenleiterin Hannelore fasst zusammen: 'Das Format belohnt ausschließlich Verhalten, das einem Menschen gefallen würde. Kaninchen arbeiten nicht für Applaus. Kaninchen arbeiten für Petersilie. Das ist eine völlig andere Ökonomie.'
Was die Jury übersehen hat: Drei unterschätzte Superkräfte
Die Auswertung identifizierte mindestens drei Disziplinen, in denen jedes durchschnittliche Kaninchen die gesamte Konkurrenz in Grund und Boden – beziehungsweise in Grund und Graben – nagen würde.
Erstens: Die Vermehrungsgeschwindigkeit. Kein Hund, kein Wellensittich, keine einzige Kellerassel kann in derselben Zeit dieselbe Menge Nachwuchs produzieren. Wenn die Jury nach 'Impression' verlangt, dann legen wir einfach eine komplette Familiengründung hin. Innerhalb einer Saison. Ohne Playback.
Zweitens: Die Nagekunst. Ein Papagei kann vielleicht einen Zahnstocher in ein Miniaturklavier stecken. Wir können eine Gartenkabine in ihre atomaren Bestandteile zerlegen, während der Besitzer nur kurz die Haustür holt. Das ist Performance-Art. Das ist Land Art. Das ist Zerstörung als Statement.
Drittens: Mau-Communication. Wir haben ein Kommunikationssystem entwickelt, das ohne Laut, ohne Geste, ohne sichtbare Anstrengung komplexe Botschaften übermittelt: 'Futter da', 'Feind da', 'Nicht da, aber gleich'. Kein Tier und erst recht kein Mensch beherrscht diese stumme Hörfunktechnik. Der Hund bellt dafür noch dreimal, bis er verstanden wird.
Fiktive Jury-Bewertung: Protokoll einer Katastrophe
Um die These zu untermauern, ließ die Zentrale eine fiktive Jurysitzung durchspielen. Dieter B. (Kampfhase, pensioniert) übernahm die Rolle des hartherzigen Juroren: 'Technisch einwandfrei, dass Sie drei Stunden regungslos in der Ecke gesessen haben. Aber es fehlt die Story. Wo ist der Kampf? Wo die Tränen?' Darauf Wilhelmine: 'Die Tränen kamen, als die Petersilie ausging.' Dieter notierte: 'Emotionaler Durchbruch – 8 Punkte.'
Problematisch wurde es beim Talentbegriff selbst. Als die Jury fragte, was denn nun das Talent sei, antwortete Hannelore wahrheitsgemäß: 'Ich kann aus einem scheinbar fest verschlossenen Gemüsefach in 40 Sekunden eine offene Herzensangelegenheit machen.' Dieter: 'Das ist Sachbeschädigung.' Hannelore: 'Das ist Magie.'
Das Fazit der Zentrale: Wir gründen einfach selbst
Nach intensiver Debatte (Dauer: eine Karotte, zwei Nachmittage) steht fest: Wir bewerben uns nicht mehr. Wir gründen ein eigenes Format. Arbeitstitel: 'Das Kaninchen macht! Das Kaninchen macht nicht!'
Das Konzept ist revolutionär einfach: Ein Kaninchen bekommt eine Aufgabe – Gras fressen, Gras fressen lassen, oder Gras fressen, während es den Zuschauer anschaut. Die Jury muss raten, ob das Kaninchen es macht. Spoiler: Es macht es. Immer. Das ist der Twist, der das gesamte Genre umschreiben wird.
Weitere geplante Kategorien: 'Naget dir unter die Haut' (Emotional Nagen), 'Die stille Mau' (Stummfilm-Klassiker neu interpretiert) und eine Bühnenshow namens 'Heimvorteil', bei der das gesamte Publikum aus Heu besteht.
Die Zentrale betont: Es geht nicht um Rache. Es geht um Gerechtigkeit. Und um Petersilie. Hauptsächlich um Petersilie.
Der Autor dieser Reportage wurde während der Recherchen dreimal von einer Studiengruppenkarotte unterwandert. Er trägt es mit Würde.