Kaninchenrevolution All articles
Nachbarschaftskunde

Post aus dem Bau: Sieben Briefe, die wir nie abschicken durften

Kaninchenrevolution
Post aus dem Bau: Sieben Briefe, die wir nie abschicken durften

Willkommen zu einer neuen Rubrik, die ab heute offiziell existiert, obwohl sie es schon immer getan hat: Post aus dem Bau. Denn nichts beschreibt das deutsch-alltägliche Leben besser als die Briefe, die Menschen schreiben, um über andere Menschen zu schreiben. Wir haben in unserem fiktiven Redaktionspostfach gewühlt und sieben Leserpost gefunden, die aus rechtlichen, moralischen und kaninchenischen Gründen nie verschickt werden durften. Alle Namen erfunden. Alle Zäune echt.

Brief 1: Der Igel und die Zaunfrage

„Sehr geehrte Redaktion, ich schreibe Ihnen zum dritten Mal, und diesmal ohne die übliche Höflichkeit. In Ihrer letzten Ausgabe haben Sie den Zaun im Vorgarten von Familie K. als ,hübsch, aber undurchlässig' bezeichnet. Undurchlässig ist er für Sie vielleicht. Für einen Igel mit Lebenserfahrung ist das eine Mauer. Ich fordere: mehr Lücken! Mit igeligen Grüßen, T. Stachelig, 4 Jahre, Nachbarsgarten."

Die Redaktion hat den Brief geprüft und muss einräumen: Der Igel hat in allen Punkten recht. Auch unsere eigene Zaunpolitik ist seit der Federkittel-Alarm-Ausgabe unter Beobachtung.

Brief 2: Meerschweinchen-Werbung, aber diskret

„Hallo liebes Kaninchenteam, ich bin keine Konkurrenz, nur eine Frage: Verkaufen Sie auch Werbeflächen? Wir sind eine Gruppe von Meerschweinchen aus dem Heimtierbereich und suchen Reichweite. Unser USP: Wir sind niedlicher, leiser und brauchen weniger Platz. Bitte antworten Sie nicht öffentlich, sonst wird es peinlich."

Wir haben nicht geantwortet. Aber wir haben darüber gesprochen. Das ist die eigentliche Macht der Presse.

Brief 3: Der Herr über die Mülltonnen

„Sehr verehrte Damen und Herren, ich lese Ihre Seite seit der Operation Knolle und muss sagen: schön und gut. Aber es fehlt der Ernst des Lebens. Konkret: In unserer Straße steht die blaue Tonne des Hauses 14 seit Dienstag, 6:12 Uhr, zwanzig Zentimeter auf dem Gehweg. Ich habe Fotos. Ich habe Zeugen. Ich habe Zeit. Was ich nicht habe: ein Forum. Bis jetzt."

Lieber Herr aus Haus 12 (wir raten), wir verstehen Ihr Leiden. Aber wir sind eine Satire-Redaktion, keine Ordnungsbehörde. Wir veröffentlichen Ihren Brief trotzdem. Das ist unser einziger Vorteil gegenüber dem Ordnungsamt: Wir brauchen keine Zuständigkeit.

Brief 4: Die Taube mit Verständnisfrage

„Guten Tag, ich bin Taube und habe eine Frage zum Konzept. Ihr Name ist Kaninchenrevolution. Aber Ihre Texte sind von Hasen geschrieben. Ich als Stadtbewohnerin frage mich: Was ist der Unterschied? Und wenn es keinen gibt: Warum dann nicht Taubenrevolution? Wir sitzen schließlich auch auf Denkmälern."

Sehr geehrte Taube, die Antwort ist: Ja. Der Unterschied ist die Ohrenlänge, die Revolutionsbereitschaft und die Tatsache, dass diese Seite nicht von Ihnen erfunden wurde. Trotzdem: Respekt für das Denkmal-Sitting. Das ist nachhaltiger als jeder Newsletter.

Brief 5: Die Empörung aus der Schublade

„Liebe Redaktion, ich bin ein Gemüsefach. Konkret: das aus dem Haushalt von Frau B. aus Neukölln. Ich wurde in Ihrem Artikel als Seelenspiegel bezeichnet. Ich möchte klarstellen: Ich bin kein Seelenspiegel. Ich bin überlastet. Frau B. hat seit März einen Kürbis bei mir, den sie als Deko bezeichnet. Deko! Ich bin kein Schaufenster, ich bin ein Kühlfach. Ich bitte um Veröffentlichung. Das wird mein einziger Ausweg sein."

Wir drucken das ab, weil wir glauben, dass es wichtig ist, dass auch Kühlgeräte mal sprechen. Wir bitten Frau B. aus Neukölln, sich zu erinnern, dass ein Kürbis auch nach März noch ein Lebensmittel ist.

Brief 6: Der Zaun-Korrespondent

„Guten Abend, ich bin der Zaun zwischen den Grundstücken 7 und 9. Ich stehe hier seit 1997 und habe noch nie einen Leserbrief geschrieben. Heute ist es so weit. Es geht nicht um mich. Es geht um die Latten. Sie sind schief. Niemand sagt etwas. Ich trage das allein. Ich wollte nur mal gesagt haben, dass jemand es sieht."

Lieber Zaun, Sie sehen es. Wir sehen es. Das ist mehr, als die meisten Menschen über ihre Nachbarn sagen können. Danke für Ihren Dienst.

Brief 7: Der Brief, der nie existiert hat

Der siebte Brief ist leer. Kein Absender, kein Text, kein Umschlag. Wir vermuten, er stammt vom Kollegen vom Gemüsefach, der angeblich „keine Zeit" hatte und sich stattdessen um den Kohl gekümmert hat. Wir respektieren das. Manchmal ist die stärkste Form von Leserpost die, die man nicht schreibt.

Warum es diese Kolumne gibt

Weil Nachbarschaft nicht daraus besteht, dass man sich kennt. Nachbarschaft besteht daraus, dass man übereinander schreibt und es nie abschickt. Der Brief, den man nicht verschickt, ist die heimliche Literatur der Republik. Er ist ehrlicher als jede WhatsApp-Nachricht und mutiger als jeder Blick über den Gartenzaun.

Post aus dem Bau wird daher ab heute regelmäßig erscheinen – immer dann, wenn uns wieder ein Brief ereilt, den niemand abschicken durfte. Wenn Sie selbst einen haben: Schreiben Sie ihn. Schicken Sie ihn aber nicht ab. Richten Sie ihn stattdessen an uns, in Gedanken. Wir lesen sowieso alles.

All Articles

Related Articles

Grundriss der Freiheit: Acht Einrichtungsideen, nach denen Ihre Wohnung aussieht wie ein echter Bau

Grundriss der Freiheit: Acht Einrichtungsideen, nach denen Ihre Wohnung aussieht wie ein echter Bau

Bauwerkstatt geöffnet: Sieben vermeintliche Haushaltsgegenstände, die eigentlich Hasentechnologie sind

Bauwerkstatt geöffnet: Sieben vermeintliche Haushaltsgegenstände, die eigentlich Hasentechnologie sind

Federkittel-Alarm: Wie der Sonntagsspaziergang die letzte heimliche Revolution der Nachbarschaft startet

Federkittel-Alarm: Wie der Sonntagsspaziergang die letzte heimliche Revolution der Nachbarschaft startet